Lizzi und ihr Blog lizziswelt.com

Trotz der Corona-Krise findet der Podcast dennoch statt. Artin liefert euch aus seinem Home Studio die Infos. In dieser Folge hat er ein Interview mit einer hochgradig sehbehinderten Bloggerin mitgebracht. Es geht um Lizzi und ihren Blog lizziswelt.com.



Artin: Lizzi, schön, dass du da bist. Willkommen!

Lizzi: Freut mich, hier zu sein.

Artin: Wie kam es eigentlich dazu, dass du gesagt hast, ich möchte mich mit dem Bloggen näher beschäftigen, ich möchte einen eigenen Blog schreiben?

Lizzi: Das ist eigentlich eine ganz witzige Geschichte. Ich schreibe eigentlich schon mein ganzes Leben lang. Ich habe schon als kleines Kind viel geschrieben – kleine Gedichte oder Geschichten. Am Anfang hat es noch meine Oma für mich aufgeschrieben und ich habe es diktiert, weil ich noch gar nicht schreiben konnte. Und dann ging das immer so weiter, das Schreiben hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen, so sehr, dass ich dann auch Germanistik und Philosophie studiert habe. Vom Schreiben bin ich nie so richtig weggekommen, weil ich damit auch gut Sachen verarbeiten oder auf den Punkt bringen kann. Wenn mich eine Sache beschäftigt, schreibe ich drüber und dann geht es mir besser, dann ordnen sich meine Gedanken. Irgendwann hatte ich die Idee, ich starte jetzt mal einen Blog. Zunächst mit keiner konkreten Absicht, das musste einfach passieren, das sollte so sein. Ich wollte das einfach machen und ausprobieren. Dann habe ich mich ein bisschen mit WordPress auseinandergesetzt und festgestellt, das liegt mir ziemlich gut, ich komme damit gut klar. Dann habe ich einfach mal planlos Sachen gepostet und Blogartikel geschrieben, und erst mit der Zeit hat sich so richtig was entwickelt, ein eigenes Projekt. Später hatte ich dann natürlich auch Vorstellungen und Ziele, wo das Ganze hingehen soll, aber am Anfang war das nur so was, weil ich gerne schreibe und Lust hatte, es in die Welt rauszuschreiben und nicht nur an meinem kleinen PC zu Hause.

Artin: Sondern dass es eben jeder lesen kann. Kannst du da ein paar Beispiele nennen? Über was schreibst du so ganz konkret?

Lizzi: Ich habe mich zum Beispiel schon oft damit beschäftigt, was man so als fast blinde Frau für Sport machen kann, oder auch… vor allem, worauf ich so Lust habe. Über Reisen habe ich auch schon geschrieben, aber so ganz konkret habe ich das Gefühl, es kommen die Themen am besten an, bei denen man sich mit der eigenen Behinderung beschäftigt. Ich habe zum Beispiel mal einen Blogartikel geschrieben, „Heiß mit Handicap – geht sexy trotz Sehbehinderung?“, das war dann auch ein sehr amüsantes Thema, aber ich wollte einfach darüber schreiben und offenbar war das auch ganz gut. Oder auch Kennzeichnungen: Mit Blindenbinden oder nicht, mit Langstock oder nicht? Einfach solche Dinge, das sind ja Fragen, wer so in der Community ist, weiß, dass das kritische Punkte sind, manchmal sogar Streitthemen – und ich habe einfach mal aus meiner Sicht davon geschrieben, weil ich es einfach blöd finde, wenn man sagt, blinde sollen das so machen oder sollen das doch so machen. Ich kann immer nur aus meiner Sicht erzählen und wenn jemand meint, er stimmt dieser Sicht zu, ist es gut, und wenn nicht… man darf auch eine andere Meinung haben.

Artin: Gibt es denn mittlerweile ein Ziel beim Schreiben, was möchtest du mit deinen Beiträgen erreichen?

Lizzi: Aus meiner anfänglichen Unsicherheit und Planlosigkeit ist jetzt eigentlich so ein konkretes Projekt für mich geworden, und ich habe einfach beschlossen, ich möchte über diese Dinge schreiben, aus meiner Sicht, involviert mit meinen Gefühlen, und ich würde einfach gern eine Brücke bauen. Denn manche Menschen, die auch eine Behinderung haben, die schreiben mir und sagen, das was du schreibst, ist gut, genauso fühle ich mich immer, habe nur noch nicht die Worte dafür gefunden. Also möchte ich da die Worte finden, wo sie vielleicht anderen fehlen. Und auf der anderen Seite bekomme ich auch viel Feedback von Leuten, die gut sehen und die sagen: Hey, das ist ja mal eine ganz andere Perspektive, darauf habe ich noch nie geachtet. Oder die fühlen sich bereichert durch Dinge, die ich schreibe weil sie einfach sagen, das ist ein ganz anderer Zugang zur Welt. Und so stelle ich mir das vor, dass ich halt eine „Brücke“ bin zwischen sehend und nicht sehend, und eines meiner Lieblingsthemen ist auch die Mehrsinnigkeit, weil unsere Gesellschaft ja bekanntlich sehr visuell ist, aber das ist ja auch eine Barriere, wenn man es genau nimmt. Auch schon für Menschen, die gut sehen, weil man sich ja nur auf eins konzentriert, auf das Sehen. Aber es entgeht einem so viel, weil man hat ja nicht umsonst noch andere Sinne.

Artin: Absolut. Ich habe gelesen, dass du Germanistik studiert hast und jetzt als Online-Redakteurin arbeitest. Das finde ich sehr interessant. Erzähl doch mal, wie ist es so und wie arbeitest du?

Lizzi: Es ist auf jeden Fall richtig cool, es macht mir mega Spaß. Das ganze Digitale liegt mir einfach und gefällt mir sehr, ich fühle mich auch online überhaupt nicht eingeschränkt, überhaupt nicht behindert, weil ich ja auch das Glück habe, dass ich noch ein bisschen was sehe und nicht so sehr auf Screenreader angewiesen bin. Dadurch kann ich mich online eigentlich sehr frei bewegen und schon allein dieses gerne Schreiben von mir und dass ich mich frei bewegen kann in der digitalen Welt, das musste einfach so kommen, dass ich Online-Redakteurin werde. Ich hatte schon ein paar Jobs und auch als Nebenjob mache ich das. Ich schreibe einfach schöne Texte für Websites, pflege die auch ein und suche Bilder, schneide die zu, lade die hoch, kümmere mich natürlich auch darum, dass die Seiten gefunden werden und alles, was so dazu gehört. Und das ist schon irgendwie schön, wenn man in so einem kleinen Word-Dokument einen Text schreibt und am Ende geht man einfach ins Internet und geht auf die Seite und sieht dann, wow, sieht das schön aus! Da ist der Text eingebettet, alles schön ordentlich verlinkt. Man schafft was mit Worten und hilft auch Menschen damit, und dann sieht das Ergebnis toll aus. Das ist so das, was mir an meinem Job am meisten gefällt.

Artin: jawoll, das glaube ich. Es klingt auch sehr sehr spannend. Erlebst du an deinem Arbeitsplatz Vorurteile gegenüber Menschen mit Handicap?

Lizzi: nein, überhaupt gar nicht. Nach dem Studium ist das jetzt schon mein zweiter Job, den ich habe, und bei beiden war es so, ich habe beschlossen, ich will nicht die blinde behinderte Kollegin sein. Deshalb habe ich mir schon von vorn herein so ein kleines bisschen ein Konzept überlegt, und es ist eigentlich beide Male super aufgegangen. Ich bin offen hingegangen, habe mich vorgestellt, habe mir auch Gedanken gemacht, was Kollegen vielleicht komisch finden könnten oder wo es manchmal Erklärungsbedarf gibt und habe das einfach schon vorweg genommen, habe versucht, ganz positiv und offen mit dem ganzen Thema umzugehen. Das liegt mir auch, ich gehe ja sowieso offen damit um. Dadurch haben sich dann auch viele getraut, mir Fragen zu stellen und ich habe auch immer wieder ermutigt und gesagt, Leute, es gibt keine blöden Fragen in der Hinsicht, fragt einfach, woher sollt ihr es wissen. Und dadurch ist es eigentlich eine richtig schöne Zusammenarbeit, beide Male. Wenn wir auch irgendwo mal auswärts sind oder in der Mittagspause essen gehen, bietet mir eigentlich immer sofort an: Brauchst du einen Arm, willst du dich einhaken? Und alles solche Sachen. Ich werde auch immer in Besprechungen gefragt: Lisa, soll ich es dir groß kopieren? Oder kann man dir sonst irgendwie helfen? Es ist wirklich bilderbuchmäßig. Ich weiß, dass es vielen Leuten da leider anders geht, aber ich habe einfach wahnsinnig viel Glück und bin auch sehr froh darüber.

Artin: Ja, super. Sehr cool. Jetzt möchte ich noch auf einen Beitrag eingehen, den du geschrieben hast. Den hast du glaube ich vorhin sogar schon angesprochen. Heiß mit Handicap heißt der. Findest du, Erotik wird gegenüber uns Menschen mit Handicap als Tabu-Thema behandelt?

Lizzi: Ja, meistens schon, oder zumindest wird es sehr schwer behandelt. In den Köpfen der Menschen scheint es wirklich schwierig zu sein, dass behinderte auch Beziehungen haben, auch ein Sex-Leben, Romantik und all das. Ich habe den Beitrag geschrieben aus dem Grund: Ich bin in der Mittagspause spazieren gegangen und dann wollte ich wieder rein ins Büro. Dann haben zwei junge Leute, also so zwei halbstarke oder gerade erwachsene Jungs, ein bisschen viel Testosteron irgendwie, gemeint: Oh, geh mal auf die Seite, die Frau ist blind, meinte der eine zum anderen. Dann bin ich vorbei gegangen und dann meinte der andere: Ja, aber verdammt heiß. Und dann dachte ich mir so, ja, aber wieso denn aber? Geht nicht beides? Deswegen habe ich mich damit beschäftigt und so, wie ich das in den Medien verfolge, ist das ja auch für viele andere ein Thema. Auch weil es ja Dating-Portale gibt oder geben soll, nur für Behinderte, und dass man das eigentlich ja nicht möchte, weil man nicht isoliert sein will. Schwieriges Thema.

Artin: Ja, das glaube ich. Ich habe deinen Artikel gelesen und jeder, der deine Website besucht, kann ihn natürlich auch lesen. Ich denke mal, als nicht behinderter Mensch denkt man sich so: Gehandicappt, und dann auch noch das Thema Liebe und Erotik. Wie schwierig oder auch wie einfach musstest du dich da auch durchkämpfen?

Lizzi: Es ist ganz verrückt. Ich muss auch immer dazu sagen, ich hatte noch nie einen Freund mit Behinderung. Das ist immer so die erste Frage, wenn ich sage, ich habe eine Beziehung, dann werde ich immer gefragt: Ah, dein Freund ist auch blind oder sehbehindert. Dann denke ich mir so: Nein, ist er nicht. Warum auch? Also, es wäre kein Problem, wäre auch völlig in Ordnung. Aber ich weiß nicht, warum das automatisch so sein soll. Also durch Vorurteile musste ich mich definitiv durchkämpfen. In Beziehungen lustigerweise war es ganz anders. Ich habe aber auch, ich weiß nicht, ob es Glück ist oder eine Fügung, auf jeden Fall sieht man mir meine Behinderung gar nicht an. Und wenn ich möchte, kann ich sie natürlich auch geschickt verstecken. Ich hatte jetzt nie die Absicht, irgendwen zu täuschen, aber am Anfang, als ich dann angefangen habe zu daten, habe ich mir schon überlegt: Möchte ich das von Anfang an sagen? Ich habe eben die freie Wahl gehabt. Oft bin ich dann halt ohne Kennzeichnung und zu meinen Bedingungen hingegangen, zum Beispiel sehe ich abends besser als tagsüber, weil ich sehr blendempfindlich bin. Dann habe ich es immer so eingerichtet, dass ich natürlich auch als erstes da war, dass der Mann auf mich zukommen musste, und dann habe ich mir natürlich ein Café ausgesucht oder eine Bar, an der ich mich schon gut auskenne und wo ich auch auf der Karte wusste, was ich bestellen kann. Das hat mir einfach Sicherheit gegeben, das am Anfang zu verstecken. Aber heute würde ich das auch wieder ganz anders machen. Ich musste da halt auch erst mal reinfinden. Heute würde ich wahrscheinlich schon von vorn herein sagen, hey, so ist es nun mal. Entweder kommst du damit klar oder nicht. Aber ich denke, da muss auch jeder seinen Weg finden und eine Behinderung ist ja auch mit einem Prozess verbunden, genauso wie wenn man in die Dating- und Beziehungswelt hineinwächst, muss man sich auch mit der Behinderung auseinandersetzen und seinen Weg finden. Und dann am besten noch beides verbinden.

Artin: Jawoll. Dann sind wir jetzt vom Thema so ein kleines bisschen abgekommen, aber ich glaube auch, das war mal interessant, auch darüber zu sprechen. Lizzi, vielen Dank für deine Zeit und für das tolle Gespräch. Und ich wünsche dir da auch noch weiterhin alles Gute in deinem Beruf und privat natürlich auch.

Lizzi: Super, danke, dir auch.

Schreiben Sie einen Kommentar

Lizzi und ihr Blog lizziswelt.com

Heute möchte ich euch die fast blinde Bloggerin und Onlineredakteurin Lizzi vorstellen.
Mit www.lizziswelt.com hat sie sich im Netz schon einen Namen gemacht und führt dort ihren eigenen Blog.
Im Interview mit ihr plaudern wir über ihre Arbeit als Bloggerin und Redakteurin, aber auch über die Liebe…
Ihr könnt gespannt sein.

Schreiben Sie einen Kommentar